Wie wäre es mit Perspektiven statt Verboten?

Es gibt klügere Alternativen zum Lockdown. Ohnehin scheint es mir persönlich, dass nur Menschen einen Lockdown favorisieren, die persönlich nicht so direkt vom Lockdown betroffen wären. Die Intensiv-Mediziner befürchten – zu Recht – eine Überlastung des Gesundheitswesens, der Mitarbeiter der Krankenhäuser aber auch für sich selbst nicht zu bewältigende Patientenzahlen.

Böse gesprochen könnte man jetzt unterstellen, dass die Intensiv-Mediziner das Schreckgespenst der Triage und des Kollaps des Gesundheitswesens in den Raum stellen, nur um sich Arbeit und Stress vom Hals zu halten. Natürlich glaube ich nicht, dass dies ihre Hauptmotivation ist, aber – und das lässt sich nicht von der Hand weisen – es ist ein Teilaspekt.

Dass kein Politiker einen Kollaps des Gesundheitssystems oder Bilder wie aus Bergamo zu verantworten haben möchte, ist auch verständlich und nachvollziehbar. Niemand wünscht sich so etwas.

Dass aus rein infektionsepemedmiologischer Sicht radikale Kontaktbeschränkungen – vorzugsweise durch einen Lockdown – geeignet sind, Ansteckungen zu verhindern, ist nachvollziehbar. Wer keinen Infizierten trifft, der kann sich auch nicht anstecken. Damit kann sich das Virus nicht verbreiten und stirbt, entweder weil es durch die Immunantwort des Körpers bekämpft wird oder weil das Virus den Wirt töten und sich damit selbst der Existenzgrundlage beraubt. Soweit die Logik.

Hierbei handelt es sich aber nur um einen kleinen Aspekt eines größeren Ganzen.

Dass der Lockdown bisher offenkundig nicht wirklich funktioniert hat, ist mittlerweile offenkundig. Hätte er funktioniert, hätten sich alle an die Vorgaben gehalten, hätte es schon längst keine Neuinfektionen in den bekannten Größenordnungen geben können und die Infektionskette nahezu jedes Neuinfizierten hätte einem konkreten Corona-Kontakt zugeordnet werden können. Dies war jedoch nie der Fall.

Deshalb erscheinen auch neuerliche Forderungen nach einem noch härteren Lockdown nicht überzeugend. Damit der Lockdown funktioniert, muss er akzeptiert sein. Akzeptanz setzt aber auch Verständnis für die Notwendigkeit der Maßnahmen voraus. Im vergangenen Frühjahr war es die Angst (nicht die Vernunft!), die die Menschen zur Akzeptanz drängte und half, die Zahlen zu drücken.

Leider haben die Verantwortlichen aber nichts unternommen, um darauf aufzubauen oder Vorkehrungen für die Zukunft zu treffen. Die Zahlen stiegen wieder und so verhängten sie einfach einen neuen Lockdown, der immer noch besteht. Der gleichen Logik folgend soll der bestehende Lockdown demnächst weiter verschärft werden.

Viele Protagonisten eines Lockdowns sind vom Lockdown nicht direkt betroffen. Zugegeben: Sie können Verwandte, Freunde und Bekannte nicht sehen, müssen auf Parties, Restaurantbesuche und Reisen verzichten – aber eine existenzielle Betroffenheit kennen die meisten Lockdown-Befürworter nicht. Als Arbeitnehmer erhalten sie weiterhin ihren Lohn – im schlimmsten Fall Kurzarbeitergeld. Sie haben damit zumindest ihr Auskommen, auch wenn sie sich verschiedentlich einschränken und auf Annehmlichkeiten verzichten müssen.

Der Arbeitgeber aber, die vielen Unternehmer, die ohne jede Perspektive ihre Geschäfte seit einem halben Jahr nicht öffnen durften, müssen die laufenden Ausgaben (z.B. Arbeitslohn für die Angestellten, Miete des Ladenlokals, Heizung, öffentliche Abgaben usw.) weiter bestreiten, haben aber keine Einnahmen. Wovon also sollen sie diese Kosten decken?

Die großzügigen und unbürokratischen Hilfen, die der Bundesfinanzminister bereitgestellt hat, werden – wenn überhaupt – mit erheblicher Verzögerung ausgezahlt. Viele Betroffene sind aufgrund der bürokratischen Förder-Struktur nicht einmal anspruchsberechtigt und erhalten nichts. Für diese Menschen geht es um ihre Existenz, um ihre Zukunft, um alles oder nichts. Es sind diese Unternehmer, die unser Land lebenswert gemacht haben, die uns schöne Stunden ermöglicht haben.

Dass das Geld, welches der Finanzminister jetzt mit vollen Händen verteilt, mehrheitlich nicht aus den nicht mehr fließenden Steuereinnahmen aus den geschlossenen Unternehmungen stammen kann, ist wohl klar. Es sind Schulden, die in der Zukunft nicht nur zurückgezahlt werden müssen, sondern für die auch noch Zinsaufwendungen fällig werden. Das ist Geld, was auf längere Sicht für Zukunftsinvestitionen aber auch für soziale und kulturelle Projekte nicht zur Verfügung stehen wird.

Was für ein Land stellen wir uns nach der Pandemie vor? Wollen wir verwaiste Innenstädte, leere Kinos und Theater? Uns werden zahllose aufgegebene Läden, Restaurants und Hotels erwarten, wenn wir so weitermachen wie bisher. Sportstudios werden schließen, die Zahl der Freizeitangebote wird auf längere Zeit sehr übersichtlich bleiben.

Es dürfte daher nachvollziehbar sein, dass die Betroffenen – anders als die Nichtbetroffenen auf Öffnungsperspektiven drängen. Verantwortungsvolle Hygienekonzepte gab es schon vor dem Lockdown. An der Umsetzung der Hygienekonzepte ist es nicht gescheitert und auch nicht am Willen, die Hygienekonzepte zu befolgen. Mittlerweile haben Untersuchungen gezeigt, dass der Einkauf sogar eines der geringsten Risiken aufweist. Ähnliches gilt auch für den Freizeitsport oder Theaterbesuche und Konzerte, die unter Corona-Bedingungen durchführbar wären oder Restaurant-Besuche. Pandemietreiber waren diese Aktivitäten nachweislich nicht.

Wo liegt das Problem?

Menschen sind soziale Wesen. Menschen sind auch vernunftbegabte Wesen (auch wenn nicht alle ihre Begabung einsetzen). Die Akzeptanz der Corona-Maßnahmen ist auf einen absoluten Tiefststand gesunken. Zum Einen haben viele erkannt, dass Corona – so schlimm eine Erkrankung auch sein mag – nicht unweigerlich zum Tod oder schwerwiegenden Folgen führt und dass es im Leben mehr gibt als die Angst vor einer Corona-Infektion. Dazu kommt aber vor allem auch, dass viele Maßnahmen nicht nur widersprüchlich sondern oftmals sogar auch widersinnig sind. Ein mit Vernunft ausgestattetes Wesen wie der Mensch wird unvernünftige, nicht nachvollziehbare Entscheidungen in der Regel nicht akzeptieren. Dies ist bereits bei kleinen Kindern zu sehen, die wenn sie etwas nicht einsehen können oder wollen, sich standhaft weigern der Forderung der Eltern nachzukommen.

Statt über immer neue Verbote und Einschränkungen nachzudenken dürfte der richtige Ansatz darin bestehen, den Menschen Perspektiven aufzuzeigen. Der gesamte bisherige Ansatz ist falsch. Statt zu fragen: „Was müssen wir tun, um die Infektionszahlen zu senken?“ wäre die aus meiner Sicht richtige Fragestellung: „Unter welchen Bedingungen ist was möglich?“ bzw. „Wodurch kann eine weitestgehende Normalität unter Corona-Bedingungen sichergestellt werden?“

Wenn Perspektiven vorhanden sind, wenn klare und nachvollziehbare und vor allem in sich schlüssige Regeln aufgestellt werden, dürfte die Akzeptanz entsprechend hoch sein.
Ein konkretes Beispiel: Anstatt über ein Verbot von Urlaubsreisen nachzudenken, wäre der bessere Ansatz der, die erforderlichen Regeln für ein sicheres Reisen zu definieren z.B. negativer Corona-Test vor Reiseantritt, negativer Corona-Test vor Rückreise, verpflichtende Quarantäne nach Rückkehr. Wem die Urlaubsreise weiterhin wichtig ist, der wird sich mit den Vorgaben arrangieren (müssen).

Statt die Menschen mit Verboten zu belegen und weiteren Frust aufzubauen erhalten Sie klare Vorgaben, wie sie sich verhalten müssen. Damit wäre eine gewisse neue Normalität unter Corona-Bedingungen möglich. Die Aussicht auf eine gewisse Normalität erhöht auch die Bereitschaft der Bevölkerung mitzumachen.

Aktuell ist es leider so, dass die Vorgaben der Regierung keinerlei echte Perspektiven aufzeigen. Wir fahren aktuell auf Sicht – und das im dichten Nebel, wo die Hand vor Augen nicht zu sehen ist. Ohne Ziel und Richtung irren wir umher und kommen – wie nicht anders zu erwarten – nirgendwo an.

Dass die Inzidenzen allein nicht aussagekräftig sind und namhafte Wissenschaftler die Ausrichtung der Maßnahmen an den Inzidenzen immer stärker kritisieren, scheint bei der Politik leider noch immer nicht angekommen zu sein.

Mittlerweile sollte klar geworden sein, dass es in unserer globalisierten Welt und bei der globalen Verbreitung des Virus unmöglich sein wird, den Virus in absehbarer Zeit wieder aus der Welt zu schaffen. Dies wird erst recht nicht bei offenen Grenzen funktionieren. Selbst Inselstaaten wie Neuseeland oder Japan haben immer wieder mit Ausbrüchen zu kämpfen.

Deshalb muss eine langfristige Strategie entwickelt werden, die Perspektiven für ein Leben unter Corona-Bedingungen aufzeigt. Immer wieder neue Lockdowns, eine ständige Weiter-Verschärfung der Maßnahmen bringt zwar kurzfristig eine Abflachung der Infektionszahlen jedoch wird damit die Ausbreitung des Virus nicht unter Kontrolle zu bekommen sein. Hierzu bedarf es langfristiger Maßnahmen, die auf ein konkretes und vor allem allgemein akzeptiertes Ziel hinarbeiten.

Anstatt sich an überbürokratisierten Impfvorgaben aufzureiben erscheint es doch beispielsweise sinnvoller so viel zu impfen wie nur irgend möglich. Jeder Geimpfte schützt nicht nur sich selbst sondern auch Andere. Mittlerweile ist hinlänglich belegt, dass Impfungen schützen. Wer sich selbst nicht mehr anstecken kann, kann damit auch nicht mehr andere anstecken. Dass begleitend möglichst viele Schnelltests eingesetzt werden sollten, liegt auch auf der Hand. Jede asymptomatische bzw. frühzeitig entdeckte Infektion hilft die unbewusste Verbreitung des Virus durch diese Person zu vermeiden.

geschrieben von: Neues Unterhaltsames Interessantes von Budoten am: 2.04.2021
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