Wie lernt man den Gegner besser einzuschätzen?

Wie kann man im Kampfsport beim Randori lernen den Gegner und den kommenden Angriff besser einzuschätzen, vor allem, wenn man die Gegner noch nicht so gut kennt?

Eine interessante Frage, auf die es eine sehr einfache Antwort gibt: Üben, üben und nochmals üben. Aber so einfach will ich es mir dann doch nicht machen und die gegebene Antwort ein wenig erläutern.

Die meisten von uns haben bereits Erfahrungen mit den Lehrmethoden der Japaner gemacht, sei es aus eigenem Erleben oder aus den Erzählungen anderer. Wenn man einen japanischen Meister fragt, warum eine Technik auf eine bestimmte Weise auszuführen sei, so erhält man als Antwort auf die Frage nach dem Warum die Anweisung: „Mache es einfach!“ und als kurze Erläuterung dazu, dass man die Technik selbst erfahren müsse.

Das ist im Grunde richtig. Aber hat im Ergebnis doch einen entscheidenden Haken: Wenn man selbst an einer Technik feilt, wird der geduldige Schüler früher oder später die Früchte seiner Mühen ernten und die Technik verstehen. Viele andere Schüler, die nicht so viel Geduld aufbringen, werden frustiert aufgeben.

Es gibt aus meiner Sicht noch einen anderen, besseren und intelligenteren Weg, Techniken zu vermitteln und das ist durch Erklärungen. Ein guter Lehrer muss in der Lage sein, Techniken zu erklären. Wenn der Schüler dann die Technik auf Grundlage der Erklärung übt, wird er weitaus schneller zum Ziel gelangen. Deshalb ist die eingangs gegebene Antwort auf die Frage sicherlich richtig, aber zugleich auch wieder wenig hilfreich.

Trotzdem gibt es aber Dinge, die man nicht erklären kann, die man auch nicht durch Erklärungen lernen kann. Die Fähigkeit einen Angriff zu erkennen, muss man erwerben. Kleine Hinweise und Tipps mögen helfen, können aber die eigene Erfahrung nicht zu ersetzen.

Einen Angriff zu erkennen ist das eine, aber man muss auch auf den Angriff richtig reagieren können.

Verschiedene Kampfkunstmeister empfehlen, die Schultern des Gegners zu beobachten, um einen Angriff rechtzeitig zu erkennen. Andere wiederum meinen, dass die Konzentration auf die Hüfte die besten Chancen biete, einen Angriff zu erkennen. Ich meine, jedes fokussieren auf einen bestimmten Körperteil schwächt die Wahrnehmung für die übrigen Teile des Körpers. Deshalb sollte man seine Aufmerksamkeit nicht einen bestimmten Teil des Körpers richten, sondern auf den Gegner als Ganzes.

Je länger man trainiert, desto mehr Erfahrung sammelt man. Man wird lernen, dass bestimmte Aktionen immer bestimmte Vorbereitungsaktionen erfordern, dass Stellungen die Zahl der Techniken einschränkt. Nicht jede Technik ist aus jeder Position heraus ausführbar. Wenn man dies weiß und verinnerlicht hat, filtert das Gehirn aufgrund dieser Erfahrung die möglichen Techniken in der jeweiligen Situation aus. Mit anderen Worten: Statt wie ein Anfänger alle erdenklichen Techniken durchzugehen und aufgrund der Vielzahl der Techniken stets zu spät zu reagieren, selektiert das Gehirn vor und so ist es besser auf die Aktion des Gegners vorbereitet.

Es fällt schließlich leichter auf 5 mögliche Angriffe zu reagieren als sich mit 100 Optionen befassen zu müssen. Gerade weil man bereits auf eine aufgrund der Situation zuvor bestimmbare kleine Anzahl von Techniken eingestellt ist, kann man dann aufgrund der bisherigen Erfahrungen darüber hinaus auch die wahrscheinlichste Technik quasi vorausahnen und hat damit seinem Gegner gegenüber nochmals einen entscheidenen Vorteil.

Diese Erfahrung ist es, die bei fortgeschrittenen Kampfsportlern manchmal nach außen den Eindruck entstehen lässt, dass sie die Situation immer unter Kontrolle hätten und jede Technik vorhersehen können.

Diese Erfahrung kann man bis zu einem gewissen Grad durch Beobachtung anderer Kämpfer sammeln. Dabei wird man feststellen, dass es verschiedene Typen oder Charaktere gibt und man wird lernen, diese einzuordnen. Entsprechend kann man seine eigene Kampftaktik darauf einstellen.

Nutze hierzu alle Deine Sinne:
– Welche Statur hat der Gegner? Ist er eher groß und hat lange Gliedmaßen? – Dann hat er Reichweiten-Vorteile und könnte dementsprechend kämpfen. Ist er eher muskulös, dann könnte er seinen Kraftvorteil versuchen auszunutzen und dementsprechend kämpfen.
– Welche Haltung hat der Gegner? – Ausgehend von seiner Haltung kann man auf seine Kampferfahrung schließen.
– Welche Ausstrahlung hat der Gegner? – Ist er ängstlich und nervös oder offen und überheblich? Dann könnte er unter Umständen zu unvorsichtigen Atkionen neigen.
– Wie redet er? Laut und deutlich, oder leise, nuschelnd? – Die Stimme verrät die Verfassung des Gegeners.
– Atmet er laut? – Dies könnte auf eine schlechte Kondition hinweisen oder auf eine gewissen Langsamkeit schließen lassen.
Diese Liste ließe sich natürlich noch beliebig fortsetzen …

Doch neben dem Erkennen des Angriffs ist es wichtig auch selbst reagieren zu können. Die eigene Reaktionszeit kann man nicht durch Beobachten anderer Kämpfe verbessern. Selbst im Kampf zu stehen ist etwas völlig anderes, als diesen Kampf nur von außen zu beobachten. Die richtige Reaktion auf einen Angriff kann man nur in der jeweiligen Situation lernen und üben, da die Stress-Situation des Angriffs Höchstleistungen vom Gehirn erfordert. Es muss in Sekundenbruchteilen den Angriff nicht nur erkennen sondern auch die richtige Antwort finden und die entsprechenden Signale an die jeweiligen Muskelgruppen senden, damit diese reagieren können. All dies kann nur durch ständige Wiederholungen geübt und verbessert werden.

Insofern ist die Übungsmethode der Japaner richtig, jedoch verbunden mit einer entsprechenden Erklärung nicht nur einleuchtend, sondern auch deutlich zielführender. Wer tut schon gern etwas, ohne zu wissen, warum er etwas tut? Wenn man ein klares Ziel vor den Augen hat oder den Zweck seines Tun und Handelns kennt, dann ist geht doch alles viel leichter von der Hand.

In diesem Sinne: Immer schön weiterüben!

geschrieben von: Neues Unterhaltsames Interessantes von Budoten am: 30.09.2010
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